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Patienten bezahlen Kunstfehler über ihre Prämien

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Bringt man sein Auto in die Reparatur und es passiert da einen Fehler, so wird dieser Schaden der Haftpflicht der Werkstatt angegeben und natürlich nicht über die Autoversicherung abgerechnet. Dieses simple System greift fast überall – dafür hat man ja eine Haftpflichtversicherung. Im Gesundheitswesen werden Mehrkosten, welche bei Behandlungsfehlern entstehen, trotzdem über die Krankenkasse abgerechnet – was zu höheren Prämien für die Versicherten führt.

Je mehr operiert wird, desto höher ist automatisch auch die Quote der Kunstfehler. In Schweizer Spitälern sterben je nach Schätzung jedes Jahr zwischen 700 und 1700 Patientinnen und Patienten wegen Fehlern. Im Unterschied zu Fehlern bei Reparaturen am Auto enden Kunstfehler meist mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen.
 
1999 schockierte eine Studie zu Todesfällen in US-Spitälern, die auf Fehler wie Medikamentenverwechslungen oder Seitenverwechslungen bei Operationen zurückzuführen waren. Die Studie fand weltweit Beachtung. Umgerechnet auf die Verhältnisse in der Schweiz, resultierte die Zahl von gegen 2000 Todesfällen pro Jahr. Und das sind nur die bekannten Todesfälle – die Zahl wäre um einiges höher, würden kleinere Fehler oder nicht-tödliche Falsch-Medikation ebenfalls dazugerechnet werden.

Ein Beispiel der Patientenstelle illustriert treffend, wie viele Kunstfehler passieren: Ein Mann musste für einen kleinen urologischen Eingriff ins Spital. Er erhielt eine Kurznarkose und wurde operiert. Alles verlief gut – nur wurde nicht die geplante, sondern eine andere, ähnliche Operation ausgeführt. Niemand bemerkte den Fehler. Erst als der Patient später konkrete Fragen zum Verlauf der Operation stellte, flog der Irrtum auf. Grund für den Fehler war, dass neue Instrumente zum Einsatz kamen und parallel zwei ähnliche Eingriffe stattfanden. Der Patient musste sich in der Folge nochmals einer Operation unterziehen, der richtigen. Zuletzt stellte ihm das Spital noch beide Eingriffe in Rechnung.
 
Mehr Wettbewerb dank finanziellen Qualitätsindikatoren
 
Basierend auf den Zahlen des BAG sieht die Situation aktuell folgendermassen aus: Jedes Jahr gibt es rund 1.2 Millionen Spitalaufenthalte. Jeder zehnte Patient erlebt während seinem Aufenthalt einen medizinischen Zwischenfall, welcher wiederum zu einer zusätzlichen Spitalwoche führt. Rund 50 Prozent aller Zwischenfälle sind laut BAG vermeidbar. Dies betrifft in der Schweiz 60'000 Patienten. Laut den Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) kostet ein Spitaltag in der Schweiz im Schnitt 1500 Franken. Die daraus entstehenden 60'000 vermeidbaren Spitalwochen führen also insgesamt zu vermeidbaren 450 Millionen Franken.
 
Da aber nicht Spitaltage abgerechnet werden, sondern Fallpauschalen, kostet eine erneute Spitaleinweisung nicht zusätzlich. Die Kosten entstehen aber trotzdem und fliessen für die Berechnung des Basispreises (Baserate) mit ein. Fehler kosten und treiben die Baserates der Spitäler in die Höhe. Erst aus diesen Basispreisen werden dann die Fallpauschalen berechnet – Fallpauschalen also, welche alle Patienten bezahlen, die den Fuss über die Spitalschwelle setzen. «Medizinische Behandlungsfehler müssen wie Flugunfälle von unabhängigen Stellen untersucht werden und von den Haftpflichtversicherungen der Ärzte und Spitäler statt von den Krankenkassen bezahlt werden. Damit erhöhen sich bei Ärzten und Spitälern, welche schlecht arbeiten die Haftpflichtprämien. Ärzte und Spitäler, die gut arbeiten, bekommen so durch tiefere Haftpflichtprämien einen Wettbewerbsvorteil», so Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei comparis.ch.
 
Die wettbewerblichen Mechanismen im Gesundheitswesen sollten nicht bloss ein effizientes, sondern auch ein effektives Gesundheitssystem fördern, das sich sowohl an den Kosten wie auch an der Behandlungsqualität der Leistungserbringer messen lässt. Gerade darum müssten die Haftpflichtfälle auch über eine Haftpflichtversicherung abgewickelt werden. So könnten sich Spitäler mit nur sehr wenigen auftretenden Kunstfehlern auch über diesen Fakt im Markt besser positionieren – sowohl über das Qualitätsmerkmal, als natürlich über die tieferen Betriebskosten.
 
Was tun bei einem Ärztepfusch

 
Zwar nimmt das Bundesgericht die Ärzte vermehrt in Pflicht. Die Haftung des Arztes oder des Spitals ist nicht mehr auf grobe Verstösse gegen die Regeln der ärztlichen Kunst beschränkt. Wer sich gegen Ärztepfusch wehren will, hat aber noch immer einen juristischen Hürdenlauf vor sich. Hauptgrund: Die Beweislast liegt ganz bei den Opfern.
 
Folgende Dinge kann man als Patient trotzdem tun:

  • Informieren sie sich bereits vor der Operation über den Arzt, das Spital sowie die vorgeschlagenen Behandlungsoptionen und vergleichen Sie diese. Es lohnt sich immer eine Zweitmeinung einzuholen, gerade bei wichtigen Eingriffen.
  • Verlangen Sie vom Arzt oder Spital eine Kopie der Krankengeschichte inklusive allfälliger externer Abklärungen, falls nötig auch von Röntgenbildern und Operationsberichten.
  • Lassen Sie von einer Patientenberatungsstelle vorab klären, ob ein Behandlungsfehler vorliegt. Hat ein Arzt Sie nicht genügend über die möglichen Folgen einer Behandlung aufgeklärt, muss er für alle Risiken, die mit dem Eingriff verbunden sind, geradestehen – selbst wenn die Behandlung korrekt war.
  • Machen Sie Ihre Ansprüche rechtzeitig geltend; man muss Fristen einhalten. Geht es um eine schwere Schädigung, sollten Sie unbedingt sofort einen spezialisierten Anwalt beiziehen.
  • Kommt mit der Versicherung des Arztes keine Einigung zustande, müssen Sie klagen. Hier ist es von Vorteil, wenn Sie über eine Rechtsschutzversicherung verfügen, um die doch hohen Kosten aufzufangen.

 

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