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Schweizer legen sich zu oft unters Messer

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Eine OECD-Studie zeigt, dass die Anzahl bestimmter Operationen in der Schweiz prozentual deutlich höher liegt als in anderen Industriestaaten. Auch aus Ärztekreisen werden bestimmte Eingriffe als unnötig befunden, gemacht werden sie aber – oft auf vermeintlichen Wunsch des Patienten – trotzdem. comparis.ch zeigt, was ein Patient tun kann, damit er bestmöglich informiert ist und der Verantwortung über seine Gesundheit auch gerecht werden kann.

Erst kürzlich hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer internationalen Studie gezeigt: In den meisten anderen Industrienationen wird weniger operiert als in der Schweiz. Die hohen Operationszahlen seien «oft von anderen Faktoren getrieben als von Patientenbedürfnissen».

Jeder medizinische Eingriff birgt seine Risiken. Diese sind zwar weitaus kleiner als früher, was dazu beiträgt, dass heute auch in Fällen operiert wird, in denen man früher darauf verzichtet hätte. Doch ein Restrisiko gibt es immer noch, bei jeder Operation. Viele Eingriffe sind aus Gründen der besseren Therapiemöglichkeiten nicht zwingend nötig. Trotzdem, operiert wird weiterhin und nicht wenig. Laut den Zahlen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) von 2003 bis 2014 sogar teilweise um bis zu 145 Prozent mehr. Vor allem Operationen, mit denen sich viel Geld verdienen lässt, haben massiv zugenommen.

  • Knie: 2014 wurden weit mehr als doppelt so viele Personen wegen einer Knieprothese stationär behandelt wie 2003, nämlich 21‘244 gegenüber 8’676. Das ist ein Anstieg von 145 Prozent.
  • Hüfte: Die Zahl stationärer Behandlungen wegen Hüftprothesen stieg in der Periode von 2003 bis 2014 um 50 Prozent von 16‘650 auf 24‘919.
  • Rücken: Bei den Operationen an der Wirbelsäule betrug die Zunahme von 2011 bis 2014 17 Prozent, von 18’064 auf 21’193 Fälle.

Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte von comparis.ch, sagt: «Auf der einen Seite werden Menschen ohne hinreichende medizinische Evidenz operiert. Auf der anderen Seite beklagen Gesundheitsfachleute und -politiker Ärztemangel und Pflegenotstand. Offensichtlich wird mit den menschlichen und finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen nicht haushälterisch umgegangen. Das ist besonders brisant aufgrund der Tatsache, dass die Spitalkosten massgeblich verantwortlich für die steigenden Ausgaben im Gesundheitssystem sind.»

Nicht nur Operationen sind teilweise unnötig

An Schweizer Spitälern verordnen Ärzte zu oft Massnahmen, die den Patienten nicht helfen oder sogar negative Auswirkungen haben. Dieser Ansicht ist die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), die grösste medizinische Fachgesellschaft der Schweiz. Die Liste mit fünf häufigen Massnahmen im Spitalbereich, von denen sie abrät, liest sich recht einfach und leuchtet auch dem Laien direkt ein:

  • Umfangreiche Blut- oder Röntgenuntersuchungen in regelmässigen Abständen ohne spezifische Fragestellung
  • Dauerkatheter bei nicht kritisch kranken Patienten mit Inkontinenz, wenn dies nur dem Komfort oder der Überwachung des Urinvolumens dient 
  • Bluttransfusionen mit mehr als der minimal benötigten Menge
  • Ältere Menschen während des Krankenhausaufenthalts zu lange ohne Mobilisation im Bett liegen lassen
  • Die vorschnelle Verabreichung von Benzodiazepinen und anderen Beruhigungs- oder Schlafmitteln gegen Schlaflosigkeit, Unruhe oder Delirium bei älteren Patienten. Sowie das Verschreiben von Rezepten für diese Medikamente beim Spitalaustritt.

Tatsächlich sind diese Massnahmen seit vielen Jahren auch nach Ansicht der Ärzte als kritisch zu betrachten. Umso mehr irritiert der Fakt, dass diese Massnahmen heute trotzdem noch sehr häufig verordnet werden. Offenbar wider besseres Wissen.

Was man als Patient tun sollte

Gerade weil sich viele Ärzte bei der Begründung der Operationen auf vermeintliche Patientenwünsche abstützen, ist der Patient in der Pflicht, sich vorgängig zu informieren. Bevor man sich unters Messer legt, sollte man eine Zweitmeinung einholen und den zuweisenden Arzt über den operierenden Chirurgen und das Spital befragen.

Die fünf wichtigsten Fragen, die ein Patient unbedingt seinem Arzt stellen sollte, damit er den Nutzen, die Risiken und den Verlauf nach der Operation besser einschätzen kann:

  • Was ist der Zusatznutzen der Operation im Vergleich zum Verzicht auf die Operation?
  • Gibt es Alternativen, welche einen ähnlichen Nutzen versprechen?
  • Was sind die Risiken der Behandlungsmethoden?
  • Welcher Chirurg wird diesen Eingriff vornehmen? In welchem Spital wird dieser Eingriff vorgenommen? Operiert der Chirurg auch in anderen Spitälern?
  • Wie geht es nach der Operation weiter? Physiotherapie oder andere Rehabilitationsmassnahmen? 

Weiter ist es wichtig, sich mit Freunden und Bekannten über den geplanten Eingriff, operierende Ärzte und Spitäler zu beraten. In diesem Zusammenhang kann es auch sinnvoll sein, die Spitäler und Patientenbewertungen im Spitalvergleich von comparis.ch miteinander zu vergleichen und so optimal vorbereitet ins Gespräch mit seinem Arzt zu gehen. «Angesichts der steigenden Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien steigt der Druck, mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Aus diesem Grund müssen gerade auch die Patienten aktiv werden und sich gut informieren, um die Entscheidungen nicht einfach mit blindem Vertrauen ihrem Arzt zu überlassen, sondern mit Überzeugung mitzutragen», so Felix Schneuwly.

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