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Zürich: Frisch auf zum Kampf

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‭In Zürich ist soeben ein Volks-Initiativbegehren in Zirkulation gesetzt worden, das durchgreifende Aenderung des ‬Strafgesetzbuches in dem Sinne verlangt, wonach in Zukunft her gewerbsmässiger Unzucht, der Kuppelei und einem gewissen Menschenhandel energisch zu Leibe gegangen wird.

Es ist der Kampf gegen die scheusslichste aller Sklavereien, der in Zürich soeben mit Nachdruck begonnen wird, und die Rufer im Streite sind die Wägsten und Besten aller Parteien, Konfessionen und Fakultäten. Unter den Unterzeichnern des Aufrufes finden sich protestantische und katholische Pfarrer, Liberale, Konservative und Demokraten, Professoren, Lehrer, Aerzte, Juristen, Kaufleute, Fabrikanten und Handwerker. Sie wenden sich in einer ernst und gediegen gehaltenen Begründung ihres Begehrens an das züricherische Volk. Nach derselben soll zunächst für einen umfassenderen Schutz jugendlicher Mädchen gesorgt werden mit einer Abänderung des Art. 111 des zürcherischen Strafgesetzes, wonach bei Missbrauch auch die intellektuelle Reife in Betracht kommt. Der gleiche Artikel soll dann auch noch dahin abgeändert werden, dass der arglistige Missbrauch von Personen in allen Fällen strenge bestraft wird.

Im weiteren soll der Art. 113 in dem Sinne eine Abänderung erfahren, dass Schändung und Notzucht in keinem Falle mehr als blosses Antragsdelikt behandelt werden dürfen. So dann wird auch den Strassendirnen energischer auf den Leib gegangen, indem für dieselben im Wiederholungsfälle ene Korrektion in Aussicht genommen wird. Das Hauptgewicht legt das Begehren, und zwar mit Recht, auf das Kupplerwesen die Toleranzhäuser.. Und wahrlich, wenn man liest, was die Initianten dieses Volksbegehrens — und es sind ernste Männer, die mit dem Volksleben in enge Befühlung. kommen — über die dermaligen Zustände in Zürich sagen, die übrigens vielerorts nicht besser sind, so muss man gestehen, dass dieses Initiativbegehren doppelt und dreifach benachrichtigt ist.

‭Lassen wir über dieses Kapitel die Führer dieser Initiative selbst reden. Es heisst in ihrem Aufrufe:„Eine der‬ schlimmsten Sorte von Verbrechern sind die Kuppler, die aus biederer Gewinnsucht die Unzucht begünstigen und mit allen nur erdenklichen Künsten unschuldige Geschöpfe in ihre Netze ziehen. Die Personen selbst werden dabei so ausgenutzt, dass ihnen nach monatelangem Dienste nur Schulden an den Logisgeber verbleiben. Durch die geographische Lage begünstigt blüht der internationale Menschenhandel in Zürich grossartig auf. Hunderte von Mädchen werden alljährlich durch den Handel in Zürich, der nach dem amtlichen Gutachten des Sanitatsrates vom Jahre 1890, 5 Vermittlungsbüreaux in Zürich hat, vermittelt. Ausserdem wird den ankommenden Madchen und Frauen vom Lande oder aus andern Städten schon auf der Fahrt und ebenso am Bahnhofe nachgestellt, von ‭den Annoncen und anderen Anziehungsgsmitteln nicht zu reden."



Aus "Die Ostschweiz" vom 22.06.1895

Quelle: Schweizer Presse online

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