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Grosszügigkeit hängt von der sozialen Distanz ab

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Wenn man einen Menschen schätzt, zeigt man sich ihm gegenüber meist grosszügiger und ist eher bereit zu teilen, als gegenüber Unbekannten. Zürcher Neuroökonomen haben gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlern die Gehirnbereiche entschlüsselt, die zu diesem Verhalten führen. Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, ökonomische Theorien zu ergänzen und die Ursachen von sozialen Verhaltensstörungen besser zu verstehen.

Eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft ist die Fähigkeit zu teilen. Auch in der Ökonomie kommt es darauf an, die Absichten der anderen Marktteilnehmer bei Entscheidungen mit einzubeziehen. Erwiesen ist etwa, dass wir uns nicht allen Menschen gegenüber gleichermassen grosszügig verhalten. «Steht uns ein Mensch besonders nahe, sind wir meist deutlich freigiebiger, als wenn es sich um einen Unbekannten handelt», erklärt Philippe Tobler, Professor für Neuroökonomie der Universität Zürich. Dieses Phänomen bezeichnen Wissenschaftler als «soziale Distanz».  
Wie die soziale Distanz mit der Fähigkeit zu teilen zusammenhängt und welche Gehirnregionen dabei eine Rolle spielen, haben die Zürcher Forschenden nun mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Bonn und Düsseldorf in einer neuen Studie untersucht. Sie können zeigen, dass eine Region im seitlichen hinteren Bereich des Gehirns die egoistischen Bestrebungen einer anderen im Stirnhirn kontrolliert und somit altruistische Handlungen zulässt. Die Wissenschaftler entschlüsseln damit die beiden Hirnregionen, die uns gegenüber vertrauten Menschen grosszügig machen. 

Freigiebigkeit nimmt mit zunehmender sozialer Distanz rasch ab

Während die Probanden sich im Hirnscanner befanden, gaben ihnen die Forschenden die Aufgabe, sich als Interaktionspartner eine sehr nahe stehende, eine weiter entfernte oder gänzlich unbekannte Person vorzustellen. Dann führten die Teilnehmer in verschiedenen Wiederholungen das folgende Verteilungsspiel durch: Sie mussten jeweils entscheiden, ob sie einen vorgegebenen Geldbetrag – zum Beispiel von 125 Euro – für sich behalten wollten. Die freigiebigere Alternative war, selbst 75 Euro einzustreichen, den gleichen Betrag dem Spielpartner zu gönnen und damit auf 50 Euro zugunsten einer anderen Person zu verzichten. «Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer viel eher bereit waren, ihren Egoismus zu überwinden und den Geldbetrag zu teilen, wenn es sich bei dem Partner um einen emotional nahestehenden Menschen handelte», sagt Erstautorin Tina Strombach von der Universität Düsseldorf. «Die Freigiebigkeit gegenüber vertrauten Personen war sehr gross, nahm aber mit zunehmender sozialer Distanz sehr schnell ab», resümiert Philippe Tobler. 

Die Hirnscans ergaben, dass sich bei der Entscheidungsfindung zwei Bereiche im Gehirn widerstritten: Der eine ist der ventromediale präfrontale Cortex, der im Stirnlappen der Grosshirnrinde
sitzt und zum Belohnungssystem gehört. Er stellt quasi die egoistische Komponente dar. Ihm gegenüber steht die Temporoparietale Junction im hinteren Bereich des Gehirns. Sie wird mit der Empathiefähigkeit in Verbindung gebracht und ist für die Unterscheidung von «selbst» und «fremd» wichtig. Philippe Tobler fasst die neue Erkenntnis der Studie folgendermassen zusammen: «Beide Gehirnregionen sind Gegenspieler und tarieren gemeinsam aus, wie egoistisch oder grosszügig wir uns in Abhängigkeit von der sozialen Distanz verhalten.» Prof. Dr. Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience der Universität Bonn ergänzt: «Die Temporoparietale Junction hält die egoistischen Bestrebungen der ventromedialen präfrontalen Cortex in Schach und ermöglicht somit altruistisches Verhalten.» 

Ergebnisse sind relevant für Ökonomiestudien und Verhaltensforschung

Die Ergebnisse sind für die Verhaltensforschung sehr relevant, denn der Einfluss der sozialen Distanz wurde bis anhin kaum berücksichtigt. «Ausserdem erlauben die Studienresultate nun bessere Einblicke in die Zusammenhänge von sozialer Distanz und den beteiligten Hirnregionen», schliesst Philippe Tobler. Damit liessen sich auch psychiatrisch relevante Störungen des Sozialverhaltens besser erklären.

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